Liebe interessierte Leser:innen, ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit zu dem Thema “Entwicklung von Resilienz bei Third Culture Kids” geforscht und möchte meine Ergebnisse gerne mit Euch teilen:

„Ein Third Culture Kid (TCK) ist eine Person, die einen bedeutenden Teil ihrer Entwicklungsjahre außerhalb der Kultur ihrer Eltern verbracht hat. Ein TCK baut Beziehungen zu allen Kulturen auf, nimmt aber keine davon völlig für sich in Besitz. Zwar werden Elemente aus jeder Kultur in die Lebenserfahrung des TCKs eingegliedert, aber sein Zugehörigkeitsgefühl bezieht sich auf andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund.“ (Pollock, van Reeken & Pflüger 2007, S.31).

TCKs haben stets eine Sehnsucht nach Heimat und sozialer Verortung.

Die Entwurzelung aus dem Heimatland, also aus der berechenbaren stabilen Umgebung geschieht vor der vollständigen Ausbildung einer persönlichen und kulturellen Identität. TCKs finden sich dann in einer dritten Kultur wieder, die weder der Kultur des Gastlandes noch der des Herkunftslandes entspricht.

An Third Culture Kids werden hohe Anpassungsforderungen hinsichtlich der Normen, Werte und Lebensvorstellungen im Ausland gestellt. Während sie sich anpassen, erleben TCKs häufig Kontaktabbrüche durch eigene Umzüge oder die anderer Expatfamilien. Für eine positive Entwicklung der jungen Menschen ist der Erwerb der fünf Kompetenzen nach Lerner entscheidend: soziale und kognitive Kompetenzen, Vertrauen, Bindung, Charakter sowie Fürsorge und Mitgefühl. Diese fünf Kompetenzen entwickeln Kinder und Jugendliche, wenn sie in sozialer und emotionaler Stabilität heranwachsen können.

Psychosoziale Risikofaktoren

Psychosoziale Risikofaktoren beeinflussen die kindliche Entwicklung. TCKs sehen sich bei einer Expatriierung unterschiedlichen psychosozialen Risikofaktoren ausgesetzt, die sich in Stressreaktionen und Anpassungsschwierigkeiten äußern können. Der Verlust des sozialen Umfelds in Deutschland, der vertrauten Umgebung und Kultur sowie die Kommunikation in anderen Sprachen verlangen Flexibilität und psychische Stabilität, um den Risikofaktoren mit sowohl kognitiv als auch emotional reflexiver Reifung zu begegnen. Die soziale Stabilität kann bei einem Umzug in die Ferne vor allem die mitausreisende Kernfamilie bilden. Dafür wird die psychische Stabilität der Eltern benötigt. TCKs sind auf einen positiven Verlauf der Akkulturationsleistung ihrer Eltern angewiesen, damit diese als soziale Ressourcen und Stabilisatoren im Relokalisierungsprozess genutzt werden können. Die psychische Stabilität der mitausreisenden Kernfamilie und die Zugewandtheit gegenüber der emotionalen Entwicklung der TCKs vor, während und nach dem Umzug bilden somit die Grundlage für eine positive Relokalisierungserfahrung.

Der Umzug ins Ausland kann als kritisches Lebensereignis bezeichnet werden, da das Person-Umwelt-Passungsgefüge angegriffen wird und Ungleichgewicht entsteht. Ein kritisches Lebensereignis und die Anforderung an das interkulturelle Handeln verursachen zunächst Stress. Je nach Entwicklungsstand und vorhandenen Ressourcen können Kinder und Jugendliche den Stress in der Akkulturation unterschiedlich gut verarbeiten. Das kritische Lebensereignis durchläuft nach Pollock, van Reeken und Pflüger fünf Phasen: Die Phasen der Eingebundenheit, des Abschieds, des Übergangs, des Eintritts und der Wiedereinbindung. In diesen Phasen begegnen TCKs den unterschiedlichen Stressoren auch aufgrund ihres Temperaments unterschiedlich. In einer Studie im Jahr 2009 von Dewaele und v. Oudenhoven zeigte sich, dass TCKs höhere Werte im Bereich Offenheit für Erfahrungen haben als Non-TCKs und niedrigere Ergebnisse im Bereich der emotionalen Stabilität, also beim Neurotizismus. Dies deutet darauf hin, dass die durch das kritische Lebensereignis geforderte Anpassungsleistung und Flexibilität das Niveau der Offenheit stärken und auf der anderen Seite eine Vulnerabilität entsteht. Wichtig erscheint dabei, dass Erwachsene aufgrund der leicht erkennbaren Offenheit für neue Erfahrungen eine mögliche emotionale Instabilität nicht übersehen.

Resilienz entsteht erst durch kritische Lebensereignisse und andere Stressoren und deren Bewältigung mithilfe von externalen, personalen und sozialen Ressourcen. Im Zusammenhang mit der individuellen Resilienz kann auch die Familienresilienz betrachtet werden, bei der Ressourcen im Wechselspiel miteinander stehen und sich bestenfalls gegenseitig stärken. Im Zentrum der Entwicklung von individueller Resilienz stehen die sechs Resi- lienzfaktoren: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, soziale Kompetenz, Problemlösefähigkeit und adaptive Bewältigungskompetenz nach Fröhlich-Gildoff, Rönnau-Böse und Wustmann.

 

Meine Forschungsergebnisse

In meiner empirischen Forschung zeigte sich in der kategorialen Auswertung der zehn problemzentrierten Interviews, dass die Abschieds-, Ankunfts- und Eingliederungsphase für die TCKs je nach Alter bei der Ausreise mehr oder weniger mit Traurigkeit, Angst und dem Gefühl von Fremdheit verbunden war. Seit der Erfahrung der Relokalisation, so berichteten die TCKs, reagieren sie auf Problemsituationen und Anforderungen des Alltags vermehrt mit Überforderung, Rückzug und auch Akzeptanz. Bereits bei der Vorstellung von einer unerwarteten Situation, wie es der Umzug gewesen war, erleben die meisten TCKs Stress und äußern, in einem solchen Fall mit Rückzug, Wut und Panik zu reagieren. Bei zwischenmenschlichen Konflikten versuchen TCKs hingegen, gelassen zu bleiben, sich mit ihren Bedürfnissen und Gefühlen zurückzunehmen und mit den Betroffenen zu kommunizieren. Vielleicht entwickelten die TCKs gerade deshalb Eigenschaften, die den Resilienzfaktor Selbstregulation stärken, wie Kommunikationsfähigkeit, Offenheit, Flexibilität und Freundlichkeit. Diese Fähigkeiten könnten sich zudem durch den sprachlichen Entwicklungsdruck stärker ausgebildet haben, da viele der TCKs soziale Kontakte in einer ihnen vorher unbekannten Sprache knüpfen mussten. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung als weiterer Resilienzfaktor zeigt sich in einem positiven Selbstkonzept und einer offenen Haltung gegenüber anderen Menschen. Das drückt sich in ihrer kognitiven und emotionalen Flexibilität aus. In Bezug auf die Menschen in ihrem Gastland berichteten die TCKs, dass ihnen eine gewissen Offenheit und Empathie den Menschen des Gastlandes gegenüber wichtig erscheint. Die im Relokalisierungsprozess angeeignete Offenheit spielte auch für den Resilienzfaktor soziale Kompetenz eine entscheidende Rolle. Die TCKs konnten dadurch neue soziale Kontakte aufbauen und auf bestehende soziale Ressourcen zurückgreifen. Der Resilienzfaktor Problemlösekompetenz wurde eher durch einseitige Strategien von den TCKs genutzt, da es ihnen schwerfiel, unterschiedliche Lösungsstrategien zu nutzen. Sie reagierten zunächst vor allem mit Vermeidung als Problemlösung. Einige TCKs erarbeiteten allerdings im Rückzug Problemlö- sungsstrategien. Ebenso verhielt es sich mit der adaptiven Bewältigungsgkompetenz. Bei unerwarteten Situationen und Stress reagierten die meisten TCKs mit Wut, Traurigkeit und Panik. Viele der TCKs versuchen jedoch, gelassen zu bleiben und positiv zu denken. Sie suchen Entspannung, indem sie sich Zeit für sich selbst und ihre Hobbies nehmen. Insgesamt spüren TCKs ihre Selbstwirksamkeit. Sie haben im Ausland viele neue Kompetenzen erlernt, z.B. neue Sprachen, und haben sich in ihrer Persönlichkeit und in ihrer interkulturellen Kompetenz zu reifen jungen Menschen entwickelt.

Mithilfe der qualitativen Forschung sollte eine Antwort auf die folgende Forschungsfrage gefunden werden: Welche Bewältigungsstrategien und weitere Faktoren entwickeln TCKs zur Bildung von Resilienz während des Relokalisationsprozesses? Es zeigte sich, dass die TCKs ihre Resilienzfaktoren verstärkt ausbilden durch die Erfahrung des kritischen Lebensereignisses (Umzug ins Ausland). Alle befragten TCKs haben im Eingliederungsprozess in ihrem Gastland Möglichkeiten der Bewältigung gefunden und sich kulturell angepasst. Über die sechs Resilienzfaktoren hinaus haben die TCKs eine hohe Anpassungsfähigkeit und eine interkulturelle Kompetenz gezeigt, die sich aus der Fähigkeit zur Offenheit, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit bildete. Die von mir so benannte Relokalisierungskompetenz als Bewältigungsstrategie wirkt dabei positiv auf die einzelnen Resilienzfaktoren und stärkt damit die Resilienz. Andererseits kann eine starke Anpassungsfähigkeit dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse weniger wahrgenommen werden, was die Vulnerabilität fördern kann. Dies zeigte sich in der Konfliktbewältigungsstrategie vieler TCKs, wobei sie Konflikte eher vermeiden und ihre eigene Position aufgrund ihres Harmoniebedürfnisses nicht äußern. Die Tendenz, sich bei Konflik- ten zurückzuziehen und im Alleinsein Lösungsstrategien zu erarbeiten, zeigt jedoch, dass sie in der Lage sind, sich kognitiv-reflexiv mit Problemen auseinanderzusetzen. Inwie- weit sie in diesen Phasen ihre eigenen Bedürfnisse ebenso wie die der anderen reflektie- ren, bleibt hierbei fraglich und auch, wie sich etwaige Reflexionen auf ihr Handeln auswirken. Gemäß des bio-psycho-sozialen Modells benötigen TCKs soziale Ressourcen, um psychisch stabil zu bleiben, also Resilienz zu entwickeln. Die meisten nutzten dabei den Kontakt zu Elternteilen oder Geschwistern, aber auch zu Freunden im Herkunftsland und später im Verlauf auch im Gastland. Bei Betrachtung der sozialen Ressourcen spielt auch die Familienresilienz eine Rolle. Speziell im Relokalisierungsprozess zeigt sich, inwie- weit die Familie als System in der Lage ist, Ressourcen zu nutzen, auf bekannte Bewälti- gungsstrategien zurückzugreifen und neue zu erarbeiten. Das bedeutet, dass zur positiven Ausbildung der sechs Resilienzfaktoren nicht nur die TCKs selbst beitragen, sondern ebenso die Relokalisierungskompetenz der einzelnen Familienmitglieder. Positiv bestärkend sind eine bereits bestehende sichere Bindung und ein autoritativer Erziehungsstil der Eltern, also vor allem eine stabile, tröstende und ermutigende Haltung mit angemessener erzieherischer Grenzsetzung. Eine solche elterliche Haltung führt zur Ausgewogenheit zwischen Vertrauen und Sicherheit, zwischen Schutz und Freiheit, sowie zur Fähigkeit der Bewältigung von Problemsituationen. Auch biologische Voraussetzungen wie das angeborene Temperament spielen eine Rolle, da der Relokalisationsprozess bspw. für Kinder mit einer stärkeren Intraversion eine größere Herausforderung darstellt als für Kinder mit einer starken Ausprägung in der Extraversion. Hinzu kommen biologische Risikofaktoren für Verhaltensauffälligkeiten wie das Geschlecht und prä- und perinatale Risiken, wie die genetische Ausstattung. Diese Risikofaktoren sind in der Bewertung der Resilienzdynamik einzelner TCKs ebenfalls zu berücksichtigen. Ökonomische Risiko- faktoren bestehen bei den meisten TCKs nicht, da die Versetzung durch Arbeitgeber ins Ausland vielmehr finanzielle Vorteile bringt und sich damit positiv auf die Resilienzdynamik auswirkt. Alle sechs Resilienzfaktoren wurden internal und external verstärkt entwickelt und ausgebaut. Dabei wurde eine Bewältigungsmöglichkeit in Form der Drittkulturgemeinschaft gefunden, wo man sich in der Herkunftssprache austauschen und somit schneller soziale Kontakte knüpfen konnte. Damit konnten die TCKs der sozialen Isolation entgegenwirken, die viele im ersten halben Jahr ansonsten im Gastland empfanden, da sie mit den Menschen vor Ort nicht kommunizieren konnten.

Ziel der Arbeit war es, aus psychologischer Sicht die Resilienzdynamik von TCKs zu erforschen. Grundlage dafür bildete ein grundlegendes Verständnis der Risiko- und Resilienzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen sowie weiterer Bewältigungsstrategien, die sich positiv auf den Resilienzprozess auswirken. Dazu gehörte auch das Verständnis dessen, was Menschen gesund erhält (Salutogenese, Stresskompensation, Empowerment und die Sichtweise auf Kinder und Jugendliche in der positiven Jugendkultur). Neben den Risikofaktoren bei einem kritischen Lebensereignis wie dem Umzug erschien es wichtig, die kulturelle Komponente in der Dynamik zu verstehen. Dafür war das Verständnis der theoretischen Grundlagen aus kulturpsychologischer Sicht notwendig. Diese Zielsetzung wurde erreicht, indem psychologische Theorien mit den Erkenntnissen aus der TCK-Forschung verknüpft wurden und somit ein theoretisches Fundament geschaffen wurde. Da der Großteil der Forschung bisher nicht aus psychologischer Perspektive erfolgte, stellte die Zusammenstellung dieser theoretischen Grundlage für die vorliegende Forschung eine besondere Herausforderung dar. Dazu wurden aus den wenigen vorhandenen Quel- len einige relevante Erkenntnisse genutzt.

Die zehn Interviews mit TCKs in Thailand, Lateinamerika und den USA brachten übergreifenden Aufschluss über die Bildung von Resilienz im kulturell-dynamischen Pro- zess, über ihre Wahrnehmung im Prozess des Abschieds in Deutschland und bei der Ein- gliederung im Gastland. Sie schilderten ihre Emotionen und erworbenen Kompetenzen und zeigten sich selbstreflektiert und offen den Fragen gegenüber. Dank des Aufbaus eines problemzentrierten Interviews konnten die sechs Resilienzfaktoren in ihrer individuellen Entwicklung gemeinsam aufgezeigt werden, ohne abzuschweifen. Durch die Untersuchung konnten, anknüpfend an die wissenschaftlichen Erkenntnisse unterschiedli- cher Disziplinen, neue Erkenntnisse des psycho-dynamischen Prozesses von TCKs dargestellt werden.

Durch die qualitative Forschung lassen sich neue psychologische Erkenntnisse im Relokalisationsprozess herausstellen, um präventive und begleitende Handlungsempfehlungen im Kontakt mit TCKs geben zu können. Prävention und Begleitung erscheinen besonders sinnvoll, da zur Ausbildung von Resilienz stabilisierende Bewältigungsfaktoren durch Erwachsene erkannt und den Kindern und Jugendlichen im Sinne des psychologischen Empowerments im Übergangsprozess vermittelt werden können. Damit kann psychischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen vorgebeugt werden. Grenzen in der qualitativen Forschungsarbeit zeigten sich bei der Möglichkeit, Vergleiche herzustellen. Zukünftige Forschung könnte an die Erkenntnisse der vorliegenden Forschung anknüp- fen, indem quantitativ Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Resilienzdynamik bezüglich Gender, Wahl des Gastlandes bzw. der Gastkultur und auch bezüglich des Alters der Kinder bei Entsendung erforscht werden. Dies könnte Aufschluss geben über weitere Faktoren bei der Bildung von Resilienz in der Relokalisation. Zudem könnte eine Längs- schnittstudie sinnvoll sein, um die Dynamik nicht ausschließlich aus der Retrospektive abzubilden. In weiteren Forschungsvorhaben wären auch Experteninterviews mit Lehrer:innen, Erzieher:innen und Schulpsycholog:innen an internationalen Schulen im Aus- land möglich, um die Resilienzdynamik aus einer professionellen Perspektive zu betrachten. Quantitative Forschungen bezüglich der Prävalenz von psychischen Erkrankungen bei TCKs könnten zudem die Anzahl der TCKs aufzeigen, denen der Aufbau von Resili- enz weniger gelingt.

Handlungsempfehlungen im Umgang mit TCKs

Meine Handlungsempfehlungen auf Grundlage der theoretischen und empirischen Erkenntnisse dieser Arbeit über TCKs wenden sich an Eltern, Lehrer:innen, Erzieher:in- nen, das Personal der entsendenden Institutionen und alle Erwachsenen, die Kinder und Jugendliche im Relokalisierungsprozess begleiten. Es ist deutlich geworden, dass TCKs im Relokalisierungsprozess Resilienz entwickeln. Dafür benötigen sie stabile soziale Res- sourcen, auf die sie zurückgreifen können und die sie im Übergangsprozess stärken. Ab- schied zu nehmen bedeutet Verlust von stabilisierenden Faktoren wie der Umwelt, der Kultur, den Institutionen, der Familie und den Freunden. Es bleibt lediglich die Kernfa- milie, die mit ausreist. Für mitausreisende Eltern ist es deshalb wichtig, den eigenen Re- lokalisierungsprozess wahrzunehmen und ebenfalls auf eigene personale und soziale Res- sourcen zurückzugreifen. TCKs benötigen psychisch stabile Eltern, die sie im Abschieds- prozess in ihren Ängsten und Sorgen wahrnehmen, ihnen auf Augenhöhe begegnen und Mut zusprechen, ohne leere Versprechungen zu machen. Es hat sich gezeigt, dass es den TCKs hilft, wenn ihnen die begrenzte Zeit im Abschiedsprozess erklärt wird. Während des Eingliederungsprozesses fühlen sich die Kinder heimatlos und können sich weder der Gast- noch der Herkunftskultur zuordnen. Sie benötigen für ihre Identitätsbildung ein Gefühl der Zugehörigkeit. Deshalb erscheint es wichtig, schnellstmöglich nach Ankunft ein soziales Umfeld zur Stabilisierung aufzubauen. Häufig finden diese Kontakte in Exilantengemeinschaften statt, was die Kommunikationsfähigkeit der TCKs erhöht, da sie in der/n ihnen bekannten Sprache/n sprechen können. Wichtig erscheint ebenfalls, die Individualität der einzelnen Kinder mit ihren personalen Ressourcen wahrzunehmen, da- rauf einzugehen und diese zu fördern. Das bedeutet, dass auch Geschwisterkinder unter- schiedliche Temperamente und damit unterschiedliche Voraussetzungen für die Bewälti- gung der Anpassung mitbringen. Da die entsendenden Firmen und Institutionen primär die Arbeitnehmer:innen bei der Entsendung begleiten, werden begleitende Partner:innen und Kinder und Jugendliche nicht in die Vorbereitung und Begleitung des Auslandsauf- enthaltes eingebunden. Vorbereitungswochenenden, an denen auch die begleitende Fa- milie teilnimmt, wären ein erster Schritt zur Stabilisierung des gesamten Familiensystems im Relokalisierungsprozess. Dies könnte dabei helfen, dass Auslandsaufenthalte weniger häufig vorzeitig abgebrochen werden. In der Abschieds- und Eingliederungsphase sowie im Verlauf des Auslandsaufenthaltes könnten Unternehmen Beratung und Therapie für mitausreisende Familienmitglieder anbieten, um sie in ihrem Bewältigungshandeln zu unterstützen und ihre Resilienz zu stärken. Dies funktioniert aus eigener Erfahrung auch online. Das pädagogische Personal in den Schulen und Kindergärten in Deutschland und in den Gastländern könnte zudem mit Abschiedsritualen helfen oder den TCKs Pat:innen an die Seite stellen, die ihnen auch sprachlich helfen. Vor allem sollten die Pädagogen dort Geduld aufwenden, wenn sich TCKs im Anpassungsprozess befinden und nicht alle ihrer Verhaltensweisen einzuordnen sind. Zudem sollten alle Erwachsenen auf Veränderungen im Verhalten der TCKs achten und sie ggf. ansprechen, um ihren Sorgen und Ängsten Raum zu geben. Wenn wichtige Bezugspersonen der TCKs achtsam und empathisch den Prozess der Relokalisation begleiten, können die TCKs aus dem kritischen Lebensereignis Resilienz bilden, die als Vorbeugung für spätere Krisen dient